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„Nicht auf Vorteile der KI verzichten“

3. Januar 2024 – Künstliche Intelligenz hält in der Finanzberatung Einzug. Noch steckt sie in den Anfängen. Das Potenzial ist groß, wie Roger Portnoy, Experte für Finanzdienstleister beim Beratungshaus Objectway, erläutert.

Die Künstliche Intelligenz (KI) bietet in der Finanzberatung viele Möglichkeiten, zum Beispiel bei der Kommunikation und der Betreuung von Kunden. Mit dem Einsatz von KI lassen sich Arbeitsabläufe effizienter gestalten.

Auf breiter Front wird KI in der Finanzberatung aber noch nicht eingesetzt, sagt Roger Portnoy. Er erläutert, worauf es beim Einsatz von KI ankommt und wie Finanzberater sie am besten nutzen können.

Handelsblatt: Herr Portnoy, können Sie bitte erläutern, wie Finanzberater Künstliche Intelligenz (KI) nutzen können?

Roger Portnoy Bislang gibt es vor allen generative KI-Lösungen auf der Grundlage von großen Sprachmodellen (LLM), die die Arbeit von Finanzberatern unterstützen können. Zum Beispiel, um überzeugende und unvoreingenommene Marktkommentare zu erstellen oder auch hochwertige E-Mails mit einem persönlichen Tonfall zu verfassen, der auf die Bedürfnisse der Kunden abgestimmt ist.

Das sind reale Anwendungen, die in erster Linie die Produktivität verbessern und sich auf die betriebliche Effizienz beziehen. Die Akzeptanz wird dadurch gefördert, dass man sich darauf konzentriert hat, KI-Systeme als virtuelle Assistenten und nicht als „Berater“ einzusetzen – und Big Data zu nutzen, wenn es um Kundenprofile, Kundenverhalten, Anlagevorschläge und bewährte Praktiken des Beraters geht.

Handelsblatt: Hilft KI auch, bessere Anlageentscheidungen zu treffen?

Roger Portnoy Derzeit wird ein breites Spektrum an KI-Modellen erforscht, die helfen sollen, bessere Portfolios zu konstruieren. Insbesondere geht es dabei um die Zusammenstellung der Portfolios nach Faktoren und Themen. Aber auch neue quantitative Modelle für die Alpha-Generierung spielen eine Rolle. Dabei geht es darum, bessere Resultate als der Markt zu erzielen und dabei unstrukturierte Daten für das Sentiment zu verarbeiten.

Derzeit werden aber auch Instrumente entwickelt, um Finanzberater und Anleger bei der Bewertung der Risiken von Greenwashing zu unterstützen. Ich würde sagen, dass KI-Deep-Learning-Systeme zwar in der Lage zu sein scheinen, Modelle mit einer höheren Erfolgswahrscheinlichkeit zu erstellen, dass es ihnen aber oft noch an Erklärbarkeit mangelt und dies daher ein Hindernis für ihre Annahme durch Anlageberater darstellt.

Handelsblatt: Wie weit sind wir mit der KI in der Finanzberatung aktuell?

Roger Portnoy Wir befinden uns ehrlich gesagt noch nicht in einem Stadium, in dem KI auf breiter Front in der Finanzberatung eingesetzt werden kann. Trotz des Hypes‧ und der oft verbreiteten Botschaft, dass die Einführung von KI zu einer explosiven Wertschöpfung führen kann. Größere Unternehmen haben einen viel besseren Zugang zu Data-Science und Dateninfrastrukturen sowie einen weitaus größeren Pool an Ressourcen.

Sie sind daher in der Lage, mehr zu experimentieren und dies schneller zu tun als andere. Diese Unternehmen können auch finanzierbare Geschäftsszenarien erstellen, die eine verbesserte Produktivität, geringere Fehlerquoten, ein geringeres Compliance-Risiko und eine größere Konsistenz ermöglichen. Das verschafft ihnen einen klaren Vorsprung bei der Einführung.

Handelsblatt: Was ist mit den Risiken der KI, die immer wieder diskutiert werden?

Roger Portnoy Wie bei anderen aufstrebenden Technologien hat sich die Qualität und Genauigkeit von KI-Systemen viel schneller vollzogen als die Einführung von Risikokontrollen und einer angemessenen Regulierungsaufsicht. Beide Aspekte müssen sich angleichen. KI braucht also auch einen regulatorischen Rahmen, der Risiken im Umgang mit KI reduziert. Ich sehe dies als einen Prozess, der zwei Jahre in Anspruch nehmen wird. Ausgehend von heute.

Handelsblatt: Viel ist von ChatGPT die Rede: Wie können Finanzberater diese Software einsetzen?

Roger Portnoy Ich wiederhole mich vielleicht, aber ChatGPT, ein weit gefasster Begriff für generative KI und große Sprachmodelle (LLM), stellt Benutzern eine leistungsstarke und erweiterbare Konversationsmaschine zur Verfügung. Die Daten, auf denen die Fähigkeiten des Modells beruhen, sind sowohl umfangreich als auch tiefgründig, aber auch nicht zu 100 Prozent faktisch und nicht zu 100 Prozent unvoreingenommen.

Dies birgt zwar Risiken, wenn diese Systeme unerfahrene Benutzer einsetzen, ist aber dennoch ein großer Fortschritt. Es zeigt, wie nützlich Systeme der KI sein können. Zumal Konversation die primäre Form des Engagements und der Zusammenarbeit zwischen Menschen in vielen verschiedenen Beratungssituationen ist.

Handelsblatt: Kann ChatGPT also zu einem wichtigen Hilfsmittel für Finanzberater werden?

Roger Portnoy Ja. Das ist möglich. Wenn es gelingt, ChatGPT richtig einzusetzen und Richtlinien und Verfahren zur Behebung seiner Mängel einzuführen, kann es zu einem leistungsstarken virtuellen Assistenten für den Finanzberater werden. Schließlich kann ChatGPT nicht nur rund um die Uhr arbeiten, sondern auch Dienste zur Information und Aufklärung des Kunden vor und nach dem Beratereinsatz anbieten. Damit können Finanzberater ihren Kunden eine individuelle Beratung bieten, die das persönliche Gespräch ideal ergänzt.

Handelsblatt: Wie sollten Finanzberater vorgehen, um KI zu nutzen?

Roger Portnoy Finanzberater sind gefragt, um die Beratungslücke weltweit zu schließen, indem sie ihre Fähigkeit optimieren, mehr Finanzpläne und Anlagevorschläge zu erstellen. Dabei sollten sie keine Kompromisse bei der Qualität, der Pünktlichkeit oder der Personalisierung ihres Engagements eingehen.

Während die Ausbildung von Hochschulabsolventen in der Branche fortgesetzt und idealerweise ausgeweitet werden muss, sollten KI-Systeme auch in Bereichen wie dem Kunden-Onboarding, der Faktensuche, der regelmäßigen Kundenkommunikation, der standardisierten Kundenprüfung und der Kundenberichterstattung eingesetzt werden. Und zwar auf eine Art und Weise, die das Talent und das Know-how des Beraters und die Fähigkeit von KI-Systemen zur Umsetzung komplexer Geschäftsanforderungen in skalierbare Abläufe nutzt.

Handelsblatt: Sollten Finanzberater, die KI einsetzen wollen, mit spezialisierten Firmen kooperieren?

Roger Portnoy In der Regel verfügen auch größere Finanzdienstleister nicht über entsprechendes Know-how und Kapazitäten. Der beste Weg, um die Vorteile der KI zu nutzen und zu erreichen, sind Partnerschaften mit Spezialisten, die diese Fähigkeiten einbringen und individuell passende Lösungen entwickeln.

Handelsblatt: Kann KI dazu beitragen, Finanzberatung besser zu machen?

Roger Portnoy Ich denke, dass „besser“ das falsche Wort ist, um die Auswirkungen der KI auf die Finanzberatung zu beschreiben. KI hat das Potenzial, die Beratung weniger anfällig für die Voreingenommenheit des Beraters zu machen. Sie kann manchmal auftreten, wenn ein Ungleichgewicht zwischen Kunde und Berater besteht.

Die Unternehmen sind sich zunehmend bewusst, dass die Aufsichtsbehörden von den Beratern eine wirklich transparente und unparteiische Beratung verlangen. Dies gilt insbesondere bei Produkten, und dabei kann KI sicherlich helfen. KI-Systeme können auch sicherstellen, dass Unternehmen konsequent dort handeln, wo sie es tun sollten.

Handelsblatt: Welche Vorteile bietet KI für einen guten Kundenservice?

Roger Portnoy KI-Systeme ermöglichen auch den Zugriff auf das Know-how des Beraters zu Zeiten, in denen er nicht verfügbar ist, und zwar auf eine Art und Weise, die dem Einsatz von Callcentern vielleicht überlegen ist. Passend eingesetzte KI-Systeme sind überlegen bei der Erfassung und Aggregation von Konto- und Marktinhalten sowie bei der Bereitstellung dieser Inhalte über mobile und digitale Kanäle auf eine ansprechendere Weise.

Handelsblatt: Wie muss sich ein Finanzberater in Zukunft positionieren, um in einem Umfeld mit Digitalisierung und KI bestehen zu können?

Roger Portnoy Die Berater werden zunehmend auf KI-Systeme stoßen, die sie im Arbeitsalltag umgeben und die Teil vieler Workflow- und Produktivitätstools sind, die sie bereits nutzen. Das bedeutet, dass die Berater keine völlig neuen Systeme erlernen müssen, sondern nur lernen müssen, wie sie funktionierende KI in ihre täglichen Gewohnheiten einbauen, um sie optimal für sich nutzen zu können.

Viele Berater, die vorsichtig mit Technologie umgehen und zurückhaltend bei neuen Technologien sind, sollten umdenken. Sie sollten aber nicht auf die Vorteile der KI verzichten. Diese liegen vor allen Dingen in einer schnelleren Kundenakquise, einem reibungsloseren Onboarding und besser skalierbaren Geschäftsergebnissen. Die Möglichkeiten der KI sind einfach zu groß, um sie zu ignorieren.